Lagois-Wettbewerb 2016: Frauen auf der Flucht

Erol Gurian: Im Bekaa-Tal
Bildrechte: Erol Gurian

Oft sind es Frauen, die durch Flucht am wenigsten zu verlieren und am meisten zu gewinnen haben. Gerade sie sind es aber auch, die dabei nicht selten einen Weg voller Grausamkeit, Gewalt und Diskriminierung gehen. Der Martin-Lagois-Fotowettbewerb widmet sich 2016 diesen Frauen.

Die ganz unverfälscht abgebildete und gefilmte Realität war großes Anliegen von dem Medienpfarrer Martin Lagois, der von 1912-1997 lebte. Am 25. Oktober verlieh Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler den nach ihm benannten Foto- und Förderpreis in der Nürnberger Egidienkirche. Der Wettbewerb wurde unterstützt vom Evangelischen Siedlungswerk (ESW), Pigture Werbedruck sowie der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der St. Egidienkirche Nürnberg.

 

Eine Frau schließt sich dem Kampf gegen den IS an.
Bildrechte: Hamad
Frauen im Kampf gegen den IS

Sonja Hamad erhält den Fotopreis

Die Berlinerin Sonja Hamad erhält für ihre Arbeit "Jin – Jiyan – Azadi" – Frauen, Leben, Freiheit den Lagois-Fotopreis in Höhe von 3.000,- Euro. Die in Syrien geborene Kurdin portraitiert in ihrer Arbeit Mädchen und junge Frauen, die sich den kurdischen Milizen angeschlossen haben. Der Titel "Jin - Jiyan – Azadi" ist der Slogan der Kämpferinnen, die im Nahen Osten gegen den IS in den Krieg ziehen. Die Ständige Vertreterin des Landesbischofs, Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, erklärte: "Sonja Hamads Frauen sind Kriegerinnen. Das mag erschrecken, wer Mädchen und Frauen auf traditionelle Verhaltensmuster festlegt. Aber wahr ist doch auch: Kein Land kann Respekt für sich einfordern, das seinen Mädchen und Frauen Freiheit nimmt. Kein Mann besitzt wahre Würde, der Mädchen und Frauen demütigt, zerbricht und tötet. Was bleibt, wenn einem Menschenrechte verwehrt bleiben." Die Frauen auf den Fotos strahlten Entschlossenheit und Verwundbarkeit aus.

Sonja Hamad hat das Studium der Fotografie an der Berliner Ostkreuzschule absolviert. Nach Ausflügen in die Werbe-Fotografie widmet sich die 30-Jährige seit 2015 der journalistischen Fotografie. Sie wurde unter anderem für ihre Arbeit mit dem Best Portfolio Award der Portfoliosichtung vom Freundeskreis des Hauses der Photographie im Rahmen der Triennale der Photographie ausgezeichnet.

Susanne Breit-Keßler spricht in diesem Video darüber, was sie so sehr an der von Sonja Hamad aufgenommenen Kriegerin fasziniert und welche Botschaft die Regionalbischöfin an alle Mädchen und Frauen weltweit hat:

 

Der Lagois-Förderpreis geht an Erol Gurian

Erol Gurian: Mädchen im Bekaa-Tal
Bildrechte: Erol Gurian

Der Münchner Fotograf Erol Gurian erhält für seine Reportage "Bekaa Blues" den Lagois-Förderpreis in Höhe von 2.000,- Euro. Mit seinen Fotografien lenkt er den Blick auf das Leben syrischer Flüchtlingsmädchen im libanesischen Bekaa-Tal, in dem 400.000 Menschen in Zeltstädten des UNCHR-Hilfswerks leben. Die Kinder der Flüchtlinge müssen bei sengender Hitze Erntearbeiten verrichten. Vor allem die Mädchen leben dort in prekären Situationen. Sie müssen auf dem Feld arbeiten, wo sie nur halb so viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen, werden häufig bedroht, vergewaltigt oder im Alter von zwölf Jahren verheiratet, um die finanzielle Situation der Familien aufzubessern. Erol Gurian erzählt in seinen Fotos von einem Projekt in einer sicheren Zone der libanesischen Non-Profit-Organsiation "Beyond Association". Hier erhalten die Mädchen und Jungen gemeinsam die Chance auf Bildung. Schirmherrin Susanne Breit-Keßler: "Eine Möglichkeit auch für werdende Männer, zu begreifen, welche Kostbarkeit ein Mädchen, eine Frau ist."

Die Laudatio der Schirmherrin Susanne Breit-Keßler und die Rede der Kuratorin Rieke C. Harmsen finden Sie hier.

In diesem Video erzählt Erol Gurian die Geschichte des Mädchens Warda, das er fotografiert hat:

 

"Auf der Flucht: Frauen und Migration" geht auf Reisen

Die Wanderausstellung "Auf der Flucht: Frauen und Migration" präsentiert das Werk von neun Fotografinnen und Fotografen, die sich selbst auf die Reise begeben haben, um sich mit dem Schicksal der Frauen zu beschäftigen. Vom 25. Oktober bis 20. November 2016 ist sie in der Nürnberger Egidienkirche zu sehen. Anschließend kann die komplette Ausstellung mit 36 Tafeln von Gemeinden und Einrichtungen ausgeliehen werden. Neben den Lagois-Gewinnern 2016 sind weitere Fotografen, die in der Ausstellung präsentiert werden, etwa Heiko Roith mit seiner Reportage "Faces of Syria". Mit schusssicherer Weste und Leibwächter flog er nach Syrien. "Seine Gesichter ziehen Betrachtende in ihren Bann: Eine wunderschöne Frau, deren Gottesebenbildlichkeit nicht einmal das Leid zerstören kann", so Susanne Breit-Keßler.

Emine Akbaba, Deutsch-Türkin aus Hannover, steht unter dem Titel "Beyond dreams and hopes". Die Fotoreportage begleitet Turkiye und ihre Töchter Ruba, Eye, Suher und Fatma, denen die Flucht aus Syrien in die Türkei gelungen ist. Wie Schirmherrin Susanne Breit-Keßler erklärte, zeigten die Fotos "eine mentale Dimension, eine Haltung der Gesellschaft, die wir dringend brauchen und deshalb im Auge behalten sollten."

Die Fluchtgründe für kurdische Frauen sind sehr verschieden. Sie leiden unter dem patriarchalischen Familiensystem, fühlen sich durch den türkischen Staat unterdrückt oder werden durch die Terrororganisation "Islamischer Staat" gepeinigt und verfolgt. Ausgehend von ihrer eigenen Lebensgeschichte möchte Hatice Ogur die Schicksale von Frauen dokumentieren, die fliehen. Für ihr Langzeitprojekt "Jin", was im Kurdischen "Frau" und "Leben" bedeutet, hat sie vier Wochen in Städten und Flüchtlingscamps im Irak und in der Türkei recherchiert. In diesem Video erzählt Hatice Ogur davon, was sie vor Ort erlebt hat: